Ortsunabhängig, frei arbeiten – Interview mit Sebastian Kühn

Sebastian ist ein echter „Digitaler Nomade“ und arbeitet komplett ortsunabhängig. Wie er seine Arbeit strukturiert, mit Ablenkungen umgeht und wie er die Zukunft sieht, das erfährst du im Interview.

Ortsunabhängig, frei arbeiten – Interview mit Sebastian Kühn

Herzlich Willkommen Sebastian. Vielen Dank für deine Zeit und ich bin sicher, dass du unseren Lesern spannende Einblicke in die Remote Arbeit und das digitale Nomadentum geben kannst. Du betreibst den Blog www.wirelesslife.de und bist als „digitaler Nomade“ in der Welt unterwegs.

Sebastian, erzähl doch kurz etwas zu dir. Wer bist du und was machst du?

Nach einer traditionellen Ausbildung im Einzelhandel und BWL-Studium habe ich mich 2012 selbständig gemacht. Anfangs als freiberuflicher Übersetzer, woraus später eine Übersetzungsagentur wurde. Nebenbei habe ich mich im Online-Handel, mit Blogging und im Online Marketing ausprobiert. Heute verdiene ich mein Einkommen mit zwei Standbeinen: erstens, die Plattform Wireless Life, mit der ich andere Menschen zur digitalen Selbständigkeit anregen und anleiten möchte. Zweitens, eine kostenpflichtige Community für Querdenker, die wir gemeinsam mit vier Partnern betreiben. Gelebt habe ich in den letzten 7 Jahren hauptsächlich in Asien (China, Singapur und Thailand). Gearbeitet habe ich am liebsten dort, wo Palmen auf WiFi treffen.

Das klingt sehr spannend und doch werden sich viele Leser fragen, wie du es geschafft hast den Mut aufzubringen selbstständig und von überall auf der Welt zu arbeiten. Was hat Dich dazu bewegt?

Der Auslöser war 2012 wohl eher die Frustration, anstatt des Mutes. Nach 10 Jahren als Angestellter musste ich mir eingestehen, dass ich mich in diesen grauen Bürolandschaften mit starren Arbeitszeiten nicht wohlfühlen werde. Der Sprung ins kalte Wasser war dann alternativlos. Seitdem bin ich mit jeder erfolgreichen, aber auch gescheiterten Geschäftsidee mutiger geworden.

Du hast einige Unternehmen und Beteiligungen und hast dich sehr weit mit Funnels und Co automatisiert. Siehst du dich eher als Selbstständiger (Zeit gegen Geld) oder eher als Unternehmer (du lässt andere Personen oder Maschinen für dich arbeiten)?

So sehr ich den direkten Kontakt mit Menschen und auch Kunden mag, so sehr schätze ich auch meine örtlichen und zeitlichen Freiheiten. Ich versuche, sich wiederholende Aufgaben bestmöglich zu automatisieren oder an Freelancer abzugeben. Hier sehe ich mich als Unternehmer. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht immer wieder mit Kunden oder Mitgliedern unserer Community telefoniere oder sie vor Ort treffe, um Feedback zu sammeln. Wie bei vielen Dingen geht es um die richtige Balance – nicht auf Teufel komm raus, alles an Maschinen abgeben, sondern smart sein.

Welche Tools nutzt du und gibt es Tipps die gut für Starter sind?

Wenn ich einen etwas ironischen Tipp geben darf, dann, dass man sich nicht zu sehr auf Tools versteifen sollte. Apps und Software kann hilfreich sein, wenn es einen konkreten Einsatzzweck dafür gibt, genauso gut können sie aber auch bei der Prokrastination unterstützen. Tools, die ich täglich nutze, sind Slack zur Kommunikation im Team, Todoist als To-Do-Liste, Trello zum Projektmanagement, Papyrus Autor zum Schreiben, Day One zum Journaling und die Apps Notizen (von Apple) und JustPressRecord, um Ideen festzuhalten.

Wie sieht für dich ein typischer Arbeitstag aus? Das Klischee vom Laptop am Strand ist es vermutlich nicht.

Jeder, der schon mal am Strand gearbeitet, wird über diese Frage lachen 😉 Wer will schon gern im Sand, mit blendender Sonne und ohne Steckdose weit und breit arbeiten? Dieses Bild zeichnen nur die Medien, leben tut es aber niemand. An meinen idealen Tagen arbeite ich vormittags in einem Café an kreativen Aufgaben (z.B. Schreiben), die meine volle Konzentration benötigen. Am Nachmittag widme ich mich dann meist Zuhause oder im Coworking Space noch ein paar Stunden dem Abarbeiten von Aufgaben (z.B. E-Mails, Telefonate, Buchhaltung).

Wie hast du dir diese Arbeitsweise antrainiert bzw gelernt? Ablenkungen sind überall.

Jeder von uns funktioniert anders, hat andere Antreiber und Arbeitsweisen. Deshalb kann ich nur dazu raten, möglichst verschiedene Settings auszuprobieren. Ich habe in Flughäfen, Bibliotheken, Büros, Coworking Spaces, Cafés und weiteren Orten gearbeitet und ziemlich schnell herausgefunden, welche Arbeitsumgebung meine Kreativität oder Konzentration fördert. Es macht keinen Sinn, mich immer wieder mit der Peitsche anzutreiben. Disziplin funktioniert immer nur zeitweise. Für eine langfristige Produktivität muss ich meiner inneren Motivation (oder auch mein Warum) folgen. Wenn ich diese gefunden habe, fühlt sich Arbeit nicht mehr wie Arbeit an.

Für welche Menschentypen ist dein „Lifestyle“ geeignet? Gerade für Familien mit schulpflichtigen Kindern kann es ja durchaus zu einer Herausforderung werden.

Grundsätzlich für alle, die eine hohe Risikobereitschaft haben und sich im unsicheren Raum wohlfühlen. Wer nicht viel reisen, sondern eher von zuhause aus selbständig arbeiten möchte, hat mit weniger Unsicherheit zu kämpfen. Hier gelten die gleichen Anforderungen wie an alle Selbständigen: die Bereitschaft, volle Verantwortung zu übernehmen. Es gibt übrigens immer mehr Familien, die nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Kinder einen nomadischen Lifestyle wählen. Sie möchten ihre Kinder nicht in Deutschland zur Schule schicken sondern ihnen die Welt zeigen.

Zuletzt noch einen Blick in die Zukunft: Wie denkst du wird sich die Arbeitswelt in den nächsten 10 Jahren verändern? Mit künstlicher Intelligenz und noch mehr Automation. Welchen Platz hat der Mensch noch?

Ich hoffe, dass in 10 Jahren niemand mehr 40 Stunden in der Woche arbeiten muss. Ich hoffe, wir werden wieder mehr Zeit haben, um unsere Kreativität zu entfalten und unser Leben spielerischer zu sehen. Genau das ist doch das Versprechen der Maschinen. Ich hoffe sehr, dass wir die Technologien nicht nur nutzen, um ständig mehr Wohlstand, Ansehen und Einfluss zu bekommen, sondern um uns wieder auf wesentliche Dinge wie unsere Beziehungen, Gesundheit und Weiterentwicklung zu besinnen.

Noch eine letzte Frage: Du hast den WirelessLife Guide geschrieben. Was erwartet die Leser und für wen ist es das Richtige?

Der Guide ist erstmals in 2015 erschienen, nachdem ich ein großes Informationsdefizit im Bereich der ortsunabhängigen Arbeit gesehen habe. Es geht in dem Handbuch um den Aufbau einer digitalen Selbständigkeit, das Führen eines selbstbestimmten Lebens und all die bürokratischen Hürden, die mit einem solch unkonventionellen Lebensentwurf einhergehen. Anfang 2019 ist der Guide in der 3. Auflage mit über 500 Seiten erschienen. Jeder, der sich wieder mehr Freiheiten mehr in sein Leben zurückholen möchte, wird darin massiven Wert finden. (Mehr Infos zum Guide unter wirelesslife.de)

Vielen Dank Sebastian und ich freue mich Dich irgendwo wieder zu treffen.

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